Lieber Vorgesetzter, liebe Vorgesetzte!

Ist das wirklich alles? Deine Ziele erreichen ist dein Motor und deine Ziele verwirklichen ist deine Erfüllung? Aber wer macht deine Ziele? Sind berufliche Ziele deine Erfüllung und machen dich glücklich? Gehörst du zu den Leuten, die eine eigene Nische haben oder gar ein Privatleben? Nimmst du es kritiklos hin, dass Arbeit der bestimmende Teil deines Lebens ist? Hast du dich je gefragt, ob dich Arbeit nicht eher weiter von deinen persönlichen Zielen trennt? Kannst du deine persönlichen Ziele überhaupt definieren? Oder ergibst du dich deinem Schicksal und verwirklichst die Pläne anderer?

Du lebst in einer Arbeitswelt in der nicht der Mensch, sondern das System im Mittelpunkt steht. Tagein, tagaus, erledigst du seit Jahren wieder und wieder dieselben Dinge und weil der Gewöhnungseffekt dich taub macht, verwechselst du es mit persönlichem Wachstum. Du lässt dich nicht besser behandeln als Automaten, denn es zählt nicht deine individuelle Leistung, sondern nur deine Leistungsfähigkeit für das System. Es interessiert niemanden einen Dreck, was du als Individuum leistest. Das einzige was zählt, ist die Effizienz des Gesamtsystems. Ein diffuser Organismus, in dem du nicht mehr bist, als ein kleines austauschbares Rädchen, dass dort so lange seinen Dienst verrichtet, bis es zu abgenutzt ist. Doch wenn du dich behandeln lässt wie ein Automat, dann sollte es dir berechtigterweise Angst machen, dass du früher oder später von einer Maschine ersetzt werden wirst.

Täglich unterwirfst du dich einem seelenlosen Organismus mit Hierarchieebene und einer Karriereleiter mit unbestimmten Regeln. Diese zu erklimmen wird dir als erstrebenswert verkauft. Ohne Rücksicht auf dich selbst, dafür mit immer mehr Verantwortung für ein entmenschlichtes System, von dem du zunehmend weniger verstehst.

Wenn du weiter auf die Überlegenheit der Hierarchien vertraust, hält man dich schon gut bei der Stange, indem man dir immer neue erreichbare Versprechungen und höhere Ziele schafft, die von unten betrachtet anstrebenswert erscheinen. Natürlich wirst du sie erreichen und schnell vergessen, wie sie eine Stufe tiefer ausgesehen haben. Du wirst dich in deinen Leistungen sonnen und die, die die dir nachsteigen piesacken, genauso wie du gepiesackt worden bist. Dann begreifst du, dass du fortan noch viel kleinere Schritte in einem noch viel größeren Hamsterrad machen musst. Doch du fühlst dich größer und wirst immer wichtiger. Vorgesetzter, Abteilungsleiter, Stellvertreter, Arbeitsgruppenleiter, was auch immer, aber du hast jetzt einen Titel. Du mutierst zu einem willenlosen Handlanger eines kranken Organismus und glaubst fest an die Überlegenheit der Hierarchieebene. Schließlich hat es dich dorthin gebracht, wo du bist, obwohl du es mal besser gewusst hast und immer anders machen wolltest. Deine kleinen Erfolge lassen die Zweifel schwinden. Du akzeptierst und missionierst, denn du bist ein Vorbild für die, die es dir nachmachen wollen und da wo du bist, müssen die erstmal hinkommen.

Du spürst gar nichts mehr. Du verlierst die Beziehungen zu anderen und du gibst dich den Metriken des Systems hin, denn der Mensch wird bedeutungslos, du verlierst die Bodenhaftung und erwartest konstante Ergebnisse in einer dynamischen Zeit, um jeden Preis. Alles auf Kosten des Einzelnen, dessen Potenzial du vernichtest. Diejenigen, die wie du einst, die Grenzenlosigkeit dieser Welt erkennen können. Die daran glauben, dass alles erreicht und umgesetzt werden kann. Die wissen, dass wir theoretisch nur durch unsere Vorstellungskraft und praktisch durch den Gewöhnungseffekt der Arbeitswelt begrenzt sind.

Dieses System macht uns krank und wir sind nicht wirklich fürs krank sein auf dieser Welt.

Rechne nach! Solltest du Geld oder Zeit verschwenden? Eine Rechnung, deren Ergebnis auf den ersten Blick auf der Hand liegt. Die Opportunitätskosten sind geklärt, weil du dich der Illusion der Unendlichkeit des Lebens hingibst. Für den Moment erscheint es dir, als könntest du alles Private auf den Feierabend oder auf die Zeit nach dem Arbeitsleben verschieben. Du empfindest keine Eile deinen Liebsten zu sagen, was du für sie empfindest. Und tatsächlich spürst du für sie weniger als früher. Du gehst deinen eigenen Problemen aus dem Weg, denn du kannst ja alles auf später verschieben. Und für den Fall, dass du dich täuschst und der Schein der Unendlichkeit dich einholt, müssen die wenigen, die bei dir geblieben sind, damit leben, dass sie nie erfahren haben, was in dir vorging. Dann bleiben Dinge für alle Zeit ungeklärt. Du hinterlässt nichts, außer schwindende Erinnerungen, hast am Ende nicht einen Menschen wirklich berührt. Die Erde dreht sich unbeirrt weiter, wie sie es immer getan hat, denn nicht für eine einzige Seele ist sie auch nur einen Augenblick lang stehengeblieben. Dann bist du nie über deine eigene Selbstdarstellung hinausgewachsen. Du bist weg! Verschwunden! Vielleicht spendiert dir dein Arbeitgeber einen von der Steuer absetzbaren Grabschmuck oder schickt deiner Frau eine Karte mit Firmenlogo, während sie sich fragt, wer du wirklich warst.

Und warum solltest du ein Start-up gründen?

Welche Ziele solltest du verfolgen? Deine eigenen, die der anderen oder solltest du dir einen Mittelweg suchen? Mit welchen Leuten möchtest du deine begrenzte Zeit verbringen? Wie wäre es denn mit einem Start-up, um deinen Zielen Leben einzuhauchen?

Ein Start-up kann dir insoweit helfen, als es dir die Freiheit gibt, dich mit Leuten zu umgeben, die an eine gemeinsame Sache glauben und dir guttun. Die mit Leidenschaft ein klein wenig mehr geben für etwas, dass eine Investition in die Zukunft sein kann oder in eine Sackgasse führt. Wie es ausgeht, kann dir niemand sagen? Aber es ist eine tolle Spielwiese, auf der man eigene Ideen verwirklichen kann, für die man brennt und die man Realität werden lassen will. Ein Start-up lässt dich die Begrenztheit deiner Ressourcen ständig spüren. Die Probleme deines Start-ups sind jetzt deine Probleme, aber du kannst sie angehen, wie du es für richtig hältst. Du bist frei!

Doch dann gibt es die Zweifler, die die dir bei jedem Problem begegnen. Die Profis aus der Arbeitswelt, die dir ausführlich erklären, dass dies und das unmöglich geht und dass es dafür keine etablierte Lösung auf dem Markt gibt. Man könnte aber mal das Thema beim nächsten Meeting auf die Agenda bringen oder den Vorgesetzten um Rat oder Erlaubnis fragen. Kaum jemand traut sich aus seiner Komfortzone und keiner widerspricht demjenigen, dessen Arsch höher hängt. Niemand nimmt dich an die Hand und sagt: „Lass es uns wenigstens versuchen.“ Kaum einer hat mehr den Mut zu scheitern. Am Ende muss man selbst das selber machen. Aber dir bleibt der Glauben es zu schaffen und falls du es hinbekommst, schaust du nicht der Karriereleiter herunter und vergisst, wo du hergekommen bist. Du schaust zurück auf das, was du und dein Team geschafft haben. Und wenn du es nicht auf die Reihe kriegst, dann hast du es versucht und auf jeden Fall eine gute Geschichte.

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