Alltagsrassismus bei Rewe

Es verlangt mir immer mal wieder ein hohes Maß Selbstkontrolle und -disziplin ab, um mich nicht der Katharsis dieser noch weithin akzeptierten Form der Diskriminierung hinzugeben. Und natürlich würde es mich befreien, wenn ich mal dem einen oder anderen mitteilen könnte, welches Bild ich von ihm oder ihr habe. Und bequem wäre es obendrein, denn wirklich beschäftigen müsste ich mich dann mit meinem Gegenüber nicht.

Aber wie würde ich mich selbst fühlen? So als Ossi, der regelmäßig umzieht und nur schwer allein sein kann und Anschluss braucht? Ossi im Herzen ist völlig in Ordnung, aber Ossi im Kopf tut weh. Menschen, die seit über 20 Jahren im kapitalistischen Ausland leben, aber reden und denken als läge die Republikflucht gerade erst hinter ihnen. Bei diesen Früher-war-alles-besser-und-drüben-sowieso-Menschen ist die Integration eben nicht nur bei der Sprache missglückt. Diese Wirtschaftsflüchtlinge, die bis heute nicht richtig Deutsch sprechen können, obrigkeitshörig sind und den Fehler immer bei den anderen suchen.

Ein täglicher Einzelfall, dem man verständlicherweise so gut wie eben möglich aus dem Weg geht, auch wenn man damit paradoxerweise das krause Weltbild derjenigen die niemals ankommen stützt. Gern würde ich einfach weitergehen und meinen Mitmenschen erklären, dass es sich eben um einen Einzelfall handelt, ich anders bin und dieser Mensch auch mir als Ossi peinlich ist.

Aber was, wenn dein Chef ein ostdeutscher Rassist ist?

Meine berufliche Karriere begann dieses Jahr in einem Getränkemarkt bei einer großen deutschen Einzelhandelskette im Augsburger Umland – bei Rewe.

Schon das erste Aufeinandertreffen mit dem Marktleiter und die Bewerbungsphase waren durchzogen von ostalgischer Sehnsucht, reaktionären Wünschen und dem pathologischen Mitteilungsbedürfnis „drüben“ auch Akademiker gewesen zu sein.

Nachdem meine ausdrücklich in Papierform geforderten Bewerbungsunterlagen akzeptiert wurden und ich richtig eingruppiert wurde, fiel mir auf, dass dieses Gedankengut auch wahrhaftig gelebt wird.

Der Marktleiter ist ein Mensch, der das Prinzip „Weil es Rewe so vorgibt“ lebt, der die direkte Ansprache scheut und den Singular meidet. Niemals hast „Du“ und niemals haben „Sie“ ein Problem. Nein, immer nur „Ihr“ oder „Wir“, obwohl jedes angesprochene Problem nur „Dich“ betrifft.

Schnell wurde mir klar, dass dieses auferlegte „Wir“ nicht sonderlich viele Menschen einschließt, besonders dann nicht, wenn sie noch weiter aus dem Osten kommen.

„Kennt ihr niemanden für den 450,- Euro-Job? Hier hat sich nur so ein Syrer beworben, den möchten wir nicht.“

Der Rewe-Marktleiter im schönsten dresdnerisch

Und siehe da, nur weil dein Chef als Persiflage seiner selbst Singular und Plural nicht richtig anwenden kann, macht er dich ganz schnell zum Teil seines Alltagsrassismus. Ich hätte mich jetzt dem hingeben und ein wenig was für das Kollektiv tun können. Stattdessen habe ich die Wahrheit gesagt und durfte dafür am dritten Tag meiner Getränkemarktkarriere eine Stunde früher heim. Eine Kündigung folgte erstmal nicht; also für keinen von uns.

Laut Rewe-Betriebsrat ist das Problem schon lange bekannt, aber was sollen sie machen? Gespräche mit ihm wurden schon einige geführt, aber der Mann ist alt, zählt die Tage bis zu seiner Rente und fühlt sich eben als Ostdeutscher dem Rassismus verpflichtet. Da hilft nur abwarten.

Abwarten? Ein Marktleiter der Kunden anbrüllt und beleidigt, Urlaub befiehlt, von Adolf Hitler im Pausenraum schwärmt und den Betriebsrat als beschissen tituliert. Damit hat er es schon zu einer nicht unbeachtlichen lokalen Berühmtheit bei den Kunden gebracht.

Als ich um Versetzung gebeten habe, wurde mir, trotz Zusage eines anderen Marktes, stattdessen gekündigt. Es war sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung, die für mich getroffen wurde.

Es ist dennoch wichtig sich selbst ständig zu überprüfen und zu hinterfragen, ob man nicht gerade in die Falle des Alltagsrassismus getappt ist, denn wir verurteilen schnell und nur ganz selten zu Recht. Auf jeden Fall lohnt es sich den Mund aufzumachen. Diskriminierung ist falsch, selbst dann, wenn sie im stillen Kämmerchen stattfindet, aber sie ist zu unterbinden, wenn ihr auch noch von einem Konzern eine Bühne geboten wird.

Sachdienliche Hinweise nimmt das Rewe Kundenmanagement unter 0221 – 177 39 777 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

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